Nachhilfestunden


Armin A. Alexander
Nachhilfestunden

ISBN 978-3-8370-7706-3
88 S., PB, € 9,00

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[…]

Neugierig und erwartungsvoll ließ sie die Blicke über die auf dem Boden verstreut liegenden Karteikarten wandern, dabei umspielte ein Lächeln der Vorfreude ihre Lippen, obwohl sie sich noch gar nicht richtig vorstellen konnte, was sie erwartete. Sie brannte darauf, endlich die ihr zugedachte Aufgabe anzugehen.

„Ich habe mir ein kleines Frage- und Antwortspiel ausgedacht“, begann er um sie nicht weiter auf die Folter zu spannen. „Auf einem Teil der Karten stehen verschiedene Baustoffe und auf anderen kurze Beschreibungen. Zuerst wirst du die Baustoffe zu sinnvollen Gruppen zusammenlegen und anschließend die passenden Erklärungen dazu.“

Leichte Enttäuschung lag in ihrem Blick als sie ihn mit leicht schiefgelegtem Kopf ansah. Das sollte alles sein? Das war doch nicht schwer. Selbst wenn er sich schwierige Beschreibungen ausgedacht haben sollte, würde es nicht lange dauern. Aber warum lagen die Karteikarten dazu auf dem Boden verstreut?

„Der Clou dabei ist“, fuhr er nach einer Kunstpause fort und ein diabolisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, „daß du auf allen vieren über den Boden kriechen mußt und die Karteikarten nur mit dem Mund aufnehmen darfst.“

Das veränderte die Situation natürlich vollständig. Fast hätte sie über das ganze Gesicht gestrahlt, aber das wäre unangemessen gewesen. Er brauchte nicht zu wissen, wieviel Spaß ihr sein Vorschlag bereits im voraus bereitete. Darum also waren die Karteikarten aufgebogen. Natürlich, so ließen sie sich besser mit den Zähnen greifen.

Für kurz fürchtete sie, daß sie ihre teuren Nylons an den Knien beim Kriechen über den Boden durchscheuern könnte. Aber dann beruhigte sie sich wieder, sein Parkettboden war ja glatt und sie mußte das Gewicht halt mehr auf die Arme verlagern und mit den Knien nicht über den Boden rutschten, sondern sie bei jedem ‚Schritt‘ anheben. Das sah auch eleganter aus. Abgesehen davon würde sie der Verlust ihrer Nylons nicht gerade in eine finanzielle Krise stürzen. Und dieser Spaß war ihr das Opfer wert.

Ohne eine gesonderte Aufforderung abzuwarten, ließ sie sich auf allen vieren auf dem kleinen freien Platz inmitten der Karteikarten mit dem Gesicht zu ihm nieder und schaute ihn mit einem fröhlich demütigen Lächeln von unten her an, wackelte dabei sogar leicht mit dem Po.

In ihrer Position erinnerte sie ihn an den längst nicht mehr unter den Lebenden weilenden Cockerspaniel seines Onkels – des Lehrers. Der hatte einen auch immer so angesehen, wenn er irgendeinen Leckerbissen haben oder gestreichelt werden wollte. Und ein bißchen erinnerten ihn Ullas Locken an dessen glänzendes Fell auch wenn ihre Haare dunkler waren. Ja, sie hatte in diesem Moment etwas von einem vorwitzigen, schlauen, aber auch liebenswerten und vor allem treuen Hund an sich. Nur ein solcher befolgt bedingungslos jede Anweisung seines Herrn, weil er darauf vertrauen kann, daß ihm dieser nichts befiehlt, das ihm schadet. Müßte reizvoll sein, Ulla ein breites Hundehalsband anzulegen und sie dann an der Leine durch die Wohnung zu führen. – Warum eigentlich nur durch die Wohnung? – Doch das stand (noch) nicht zur Debatte.

„Worauf wartest du“, fragte er sie freundlich, aber mit unüberhörbarem Nachdruck.

Schuldbewußt senkte sie den Blick. Ihre Haltung wurde dadurch so offen unterwürfig, daß ihn ein ganz eigenartiges Gefühl warm durchlief und er den Wunsch unterdrücken mußte, sie schützend in die Arme zu nehmen. Zum Glück hielt dieses Gefühl nicht lange an, denn sie hatte mit der Lösung ihrer Aufgabe begonnen und ihm den mehr als reizvollen Rücken zugewandt. Ihr zielsicheres Vorgehen hatte kaum noch etwas Devotes. Vielmehr bot sie einen reichlich sinnlichen Anblick.

Wie ein Hund auf der Jagd spähte sie, verharrte mitten in der Bewegung, das Gewicht auf den Armen, das eine Knie in der Luft, nur die Schuhspitze berührte noch den Boden, wanderte mit dem Blick, lächelte zufrieden, wenn sie die gesuchte Karte entdeckt hatte, senkte den Kopf und ergriff sie mit den Zähnen als sei es ein begehrter Knochen. Zu Beginn benötigte sie noch zwei bis drei Anläufe, bis sie die Karte richtig gefaßt hatte. Allzu stark hatte er die Karten nicht umgebogen, es sollte ja nicht zu leicht werden. Aber bald hatte sie den Bogen heraus. Sie war schließlich ein gelehriger Hund – Pardon – eine gelehrige Schülerin. Immer wieder einmal blieb ihr eine Locke im Mundwinkel oder der Stirn hängen, auf der sich durch die Anstrengung ziemlich schnell kleine Schweißperlen bildeten, doch wischte sie diese nicht mit den Händen weg, sondern schüttelte den Kopf wie ein Hund, dem irgend etwas im Fell störte.

Er hatte es sich auf dem schmalen Sofa bequem ge­macht und bemühte sich nicht zu sehr zu grinsen, wenn sie gerade in seine Richtung sah. Dafür weidete er sich ganz ungeniert am Anblick ihrer schönen Rückfront, ihres knackigen Pos unter dem engen Stoff durch den sich der Schatten ihrer Strumpfhalter hindurch zeichnete, der sanft geschwungenen Linie ihrer Waden, dem Spiel ihrer Beinmuskeln und hätte gerne ihre Beine durch den zarten Stoff hindurch gestreichelt.

So leicht wie sie den Anschein erweckte, fiel es ihr nicht. Schon nach kurzer Zeit bildeten sich Schweißflecken unter ihren Achseln. Aber sie ließ mit ihrem Eifer nicht nach.

Die meisten Karteikarten zierten nicht nur Abdrücke ihrer Zähne, sondern waren auch mit Lippenstift verschmiert und ein wenig feucht von ihrem Speichel.

Sie konnte sich nicht erinnern, jemals soviel Spaß an einer Sache gehabt zu haben. Ihre mit der Zeit leicht schmerzenden Knie störten sie ebensowenig wie der trockene Mund und der Papiergeschmack auf der Zunge. Es machte ihr nichts aus, daß sie schwitzte, ihr immer wieder die Haare in den Mundwinkeln oder mitten im Gesicht hingen.

Als sich auch auf ihrem Rücken ein großer Schweißfleck zu bilden begannen, entschied er, ihr etwas zu trinken anzubieten. Er ging in die Küche. Sie achtete nicht darauf. Sie war so in ihre Aufgabe versunken, daß sie es vermutlich gar nicht bemerkt hatte. In der Küche, er hatte schon ein Glas in der Hand, durchfuhr ihn – wie er meinte – ein schelmischer Gedanke. Wenn sie schon wie ein Hund über den Boden kroch, dann konnte sie ja auch ruhig wie ein Hund trinken.

[…]

 

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